Die Recherche, Teil 2

Fokus: Fünf Spannungen

Ltzt Aktlsrng: 20260923

Wir kommen zurück auf die Spannungen, die wir zu Beginn von Teil 1 bereits wahrgenommen haben.

#1: Empfindungsfähigkeit oder Leben: das Kriterium, an dem die Herkunft zerbricht

Der Veganismus begründet sich über Empfindungsfähigkeit. Wer moralisch zählt, ist demnach, wer geschädigt oder begünstigt werden kann, und das sind empfindungsfähige Wesen (Animal Ethics, o. J.-a).

Die Ausweitung des Vigorismus auf alles Lebendige verlässt diese enge Linie – und die Tierrechtsseite widerspricht scharf: Leben allein sei kein hinreichendes Kriterium für moralische Berücksichtigung und der Biozentrismus sei in Wahrheit selbst speziesistisch, weil er Ausnahmen für Schädigungen von Menschen mache, die er bei Tieren nicht zulasse (Animal Ethics, o. J.-b).

Auch die Gegenrichtung ist ausformuliert. Wenn Speziesismus die moralische Erhöhung einer Art um ihrer Natur willen ist, dann trifft nach derselben Logik der Vorwurf des „Sentientismus“ jene Tierrechtsposition, die die Ausweitung auf alles Leben willkürlich abschneidet; wo genau auf der evolutionären Skala die Grenze zwischen Empfindungsfähigkeit und Nichtempfindungsfähigkeit liegt, ist ungeklärt – Darwin hielt schon Regenwürmer für empfindungsfähig, und über Einzeller streiten Mikrobiologen bis heute (Walters, 2026).

Ein weiterer Beitrag verschärft die Lage für beide Seiten. Leonard Dung (Ruhr-Universität Bochum, 2022) unterscheidet die Frage, was moralischen Status bestimmt, von der Frage, welches Kriterium in der Praxis angewendet werden soll, und argumentiert so: Wer zugesteht, dass Empfindungsfähigkeit den Status bestimmt, kann epistemische Unsicherheit nicht als Grund für ein Alternativkriterium anführen – wäre die Empfindungsfähigkeit unerkennbar, wäre auch der moralische Status unerkennbar (Dung, 2022).

Daraus lässt sich folgern, dass die Wahl nicht rhetorisch, sondern strukturell ist.

  • Wer wie der Vigorismus sagt „alles, was lebt und leben will“, übernimmt Schweitzers Willen-zum-Leben-Begründung und damit auch deren Beweislast;
  • wer hingegen sagt „alles, was leiden kann“, bleibt beim Veganismus und kann Böden, Gewässer und Mikroorganismen nur instrumentell einbeziehen.

Ein tragfähiger dritter Weg wäre eine so gestufte Position:

Leben begründet Berücksichtigung – Empfindungsfähigkeit erhöht ihr Gewicht.

Diese Stufung ist in der Literatur zwar angelegt, aber noch nicht ausgearbeitet – das wäre eine noch eigenständig zu leistende theoretische Arbeit.

#2: Planetare Grenzen als Ermöglichung – gegen die eigene Entfaltungssprache

Der empirische Befund ist eindeutig und aktuell: Der Planetary Health Check 2025 des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung stellt fest, dass sieben der neun planetaren Grenzen überschritten sind:

  • Klimawandel
  • Biosphärenintegrität
  • Landsystemwandel
  • Süßwassernutzung
  • biogeochemische Flüsse
  • neuartige Substanzen
  • und, erstmals, Ozeanversauerung.

Alle sieben zeigen sich verschlechternde Trends; nur Ozonabbau und Aerosolbelastung liegen noch im sicheren Bereich (Potsdam Institute for Climate Impact Research, 2025; Stockholm Resilience Centre, 2025).

Zwei Zahlen konkretisieren den Zustand des Lebendigen:

Die Aussterberate liegt bei über 100 Aussterbe-Ereignissen pro Million Artenjahre gegenüber einer Grenze von 10; und die menschliche Aneignung der Nettoprimärproduktion liegt bei 30 Prozent gegenüber einer Grenze von 10 Prozent (Nater, 2025).

Zum Vergleich der Entwicklung: 2009 waren drei Grenzen überschritten, 2015 vier, 2023 sechs (Richardson et al., 2023).

Wichtig für die Argumentation ist die Erkenntnis, dass der Rahmen keine Kippschalter beschreibt. Eine überschrittene Grenze bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit großer, nichtlinearer Erdsystemreaktionen zu steigen beginnt, jedoch nicht, dass ein irreversibles Ereignis bereits eingetreten ist. Richardson et. al. formulieren es als offene Entscheidung: Das Zeitfenster sei noch offen, das Scheitern sei nicht unvermeidlich, sondern eine Wahl.

Die Spannung liegt daher nicht in den Daten, sondern in der Sprache. Eine Ethik, die Förderung, Entfaltung und Steigerung des Lebens zum Maßstab macht, benutzt ein Wachstumsvokabular in einer Lage, in der die belastbarste Diagnose lautet, dass die menschliche Aneignung von Lebensproduktivität selbst das Problem ist. „Steigern“ im Sinne Schweitzers meint Qualität, nicht Menge – aber diese Unterscheidung greift nur, wenn sie explizit gemacht wird.

Eine Folgerung kann sein, dass die Formel „Grenzen sind die Bedingung von Entfaltung, nicht ihr Gegenteil“ argumentativ konsistent ist, aber als eine These und nicht als ein Befund. Sie hält nur, wenn präzisiert wird, wessen und welche Entfaltung gemeint ist.

Empirisch ist der aktuelle Zustand ein Nullsummenverhältnis: 30 Prozent menschliche Aneignung der Nettoprimärproduktion sind 30 Prozent, die anderem Leben fehlen. Eine affirmative Ethik muss sagen können, welche menschliche Entfaltung sie fördern will – sonst ist sie in der Sache eine Verzichtsethik mit anderem Vokabular.


Vigorismus und die Klimakrise: was der Veganismus lehrt und wo er stehen bleibt

Eine unabhängig durchgeführte Untersuchung hat weltanschauliche Denkmodelle – Ökonomismus, Religionismus, Humanismus, Veganismus – anhand eines eigens entwickelten Kriterienrasters auf ihr Transformationspotenzial angesichts der Klimakrise verglichen (Gertler, 2025).

Das Ergebnis: Ökonomismus zeigte das geringste Potenzial, Veganismus das höchste. Es handelt sich um eine einzelne, noch nicht breit replizierte Untersuchung mit eigenem Bewertungsraster – sie ist zwar ein Signal, aber noch kein Beweis.

Dieselbe Untersuchung benennt den zentralen blinden Fleck des Humanismus präzise: seine anthropozentrische Grundstruktur, in der die Natur „primär eine Umwelt des Menschen“ bleibt, selbst dort, wo er sich um globale Gerechtigkeit bemüht.

Warum der Vigorismus weiter geht als der Humanismus

Im Humanismus werden bereits akademische Strömungen erkennbar: der „umweltethische Neuhumanismus“ (Ott et al., 2016), der Menschenrechte intergenerational statt nur intersubjektiv denkt – und die Skizze eines „planetarischen Humanismus“, der sich vom anthropozentrischen Denken bewusst verabschiedet (Morin, 2025).

Der Vigorismus könnte sich in diese Richtungen einreihen, er geht aber zielgerichtet weiter, während solche humanistischen Strömungen auf halbem Weg stehen bleiben: Sie erweitern im Grunde nur den Mittelpunkt, der immer noch dem Menschen zuerkannt wird. Der Vigorismus hingegen lässt diesen Mittelpunkt fallen. Er setzt somit eine größere Bewegung fort, die im Humanismus einige bereits selbst erkannt haben.

Was der Veganismus lehrt

Die Untersuchung zeigt den Veganismus als einziges Modell, das individuelle Lebenspraxis und globale klimapolitische Erfordernisse tatsächlich verbindet, statt sie getrennt zu behandeln – Transformationsfähigkeit wird hier demnach nicht nur gedacht, sondern auch gelebt.

Dieses Ineinander von Haltung und Handlung ist es, was Vigorismus von Anfang an übernimmt und dann aber auf alles Lebendige ausweitet.

Wo der Veganismus stehen bleibt

Die Untersuchung benennt offen die Schattenseiten des veganistischen Denkmodells – und bemerkenswert viele davon hat der Vigorismus bereits in seiner Grundstruktur beantwortet, ohne dass das bisher explizit geworden ist:

  • Das Reinheitsproblem: Das Bedürfnis nach moralischer Reinheit könne zu rigiden Abgrenzungen führen, auch innerhalb der eigenen Bewegung, und den gesellschaftlichen Dialog gefährden. Satz 8 des Manifests antwortet darauf direkt: kein höheres und kein niederes Leben, keine Reinheit und keine Rangordnung – und bei der Beschreibung „Was diese Plattform ist“ werden Grade der Zugehörigkeit ausdrücklich ausgeschlossen.
  • Der soziale Preis: Wer sich konsequent positioniert, riskiert als moralisch überhöht oder konflikthaft wahrgenommen zu werden – Twine nennt das den „Vegan Killjoy“-Effekt (Twine, 2014). Das deckt sich mit dem, was für vigor lebende Menschen ebenso gelten dürfte: Anfeindung ist eine erwartbare Konsequenz, deswegen aber doch keine Fehlfunktion der Idee.
  • Individualethik ohne strukturellen Hebel: Der Fokus auf persönliche Konsequenz lässt systemische Hebel wie Subventionspolitik oder Agrarförderung oft unberücksichtigt. Hier bleibt für den Vigorismus eine offene Aufgabe: Satz 5 des Manifests benennt die planetaren Grenzen, aber noch nicht, welche politischen und strukturellen Schritte aus ihnen konkret folgen sollen.
  • Der Vorwurf des normativen Imperialismus: Universelle Forderungen aus westlichen Wohlstandskontexten heraus können, unreflektiert, wie ein neuer Kolonialismus wirken. Der Recherchebericht formuliert diese Warnung bereits bei Buen Vivir – hier zeigt sich, dass sie ebenso auf die eigene Position zurückwirkt, nicht nur auf fremde Traditionen (Cuestas-Caza 2018).
  • Die soziale Exklusivität: Höhere Preise, größerer Informationsaufwand, kulturelle Zugangshürden – sie bleiben eine offene Flanke, die keiner gelöst hat: weder bislang der Veganismus noch das momentane Konzept des Vigorismus. Ehrlicherweise gehört das daher in seine Klärungsagenda.

Der Vigorismus wiederholt damit nicht unbesehen, was vor ihm da war – er lernt daraus. Das ist der Unterschied zwischen bestehenden Weltanschauungen, die ihre Vorgeschichten für sich beanspruchen, und einer neuen, die sie auswerten kann.

#3: „Verteidigen“ – wo aktive Verantwortung in Gewalt übergeht

Der Anspruch, angesichts bedrohten Lebens nicht neutral zu bleiben, führt unmittelbar in die Theorie des zivilen Ungehorsams – und dort ist der Gewaltbegriff strittig.

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy referiert beide Lager: Viele Theoretiker halten Gewaltlosigkeit für notwendige Bedingung der Rechtfertigbarkeit; wer sie nicht für definitorisch hält, vertritt einen weiter gefassten Begriff, wonach ziviler Ungehorsam ein gewissenhafter, kommunikativer Rechtsbruch ist, der Verurteilung einer Politik ausdrückt und deren Änderung anstrebt – und der dann auch gewaltsam, teilweise verdeckt und revolutionär sein kann (Delmas & Brownlee, 2024).

Tony Milligan vertritt eine mittlere Position: Ziviler Ungehorsam müsse nur aspirationell gewaltlos sein. Gewalt gegen Personen könne fehlen, während Sachbeschädigung stattfinde, wie bei Aktionen gegen Tierlabore; solche Formen der Militanz werfen ethische und rechtliche Fragen auf, die ein zu enger Begriff nur verdeckt (Milligan, 2013).

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt zwei weitere Bewertungsachsen: Direktheit – direkter Ungehorsam trifft das beanstandete Unrecht selbst und gilt vielen als eher rechtfertigbar, kann aber Dritte unverhältnismäßig schädigen – und die Deutung von Umwelt- und Tierrechtsprotest als Reaktion auf ein Demokratiedefizit, also auf fehlende Kanäle der Beteiligung (Delmas & Brownlee, 2024).

Zwei Einwände sollte der Vigorismus bedenken:

Erstens die Einschätzung, ein Tierrechtsaktivismus sei häufig antidemokratisch – die Literatur hält ihn dennoch für legitim und unterscheidet deshalb zwischen anarcho-liberationistischen Denkformen, die Demokratie ablehnen, und den Argumentationen, die eine Tierrechtspolitik mit liberaler Demokratietheorie verbinden (Horsthemke, 2012).

Zweitens die Gandhi-Linie, auf die sich gewaltfreie Bewegungen berufen können: Gandhi verwarf Passivität, Feigheit und Unterwerfung unter das Böse ausdrücklich und vertrat dynamischen gewaltfreien Widerstand – nicht als politische Technik, sondern als Lebensform; wirkliche Befreiung sei nur die, die Unterdrücker und Unterdrückte zugleich befreit (Simonelli, 2003).

Folgerung:

Für eine Ethik, deren Grundsatz das Nichtschädigen von Leben ist, ist die Gewaltfrage nicht eine Frage der Strategie, sondern der Konsistenz.

Gewalt gegen Personen widerspricht dem eigenen Prinzip unmittelbar; Sachbeschädigung tut es nicht, wirft aber die Frage auf, ob Eigentum als Grenze anerkannt wird und warum.

Die stärkste Position dürfte die Gandhi-Linie sein – nicht weil sie milder ist, sondern weil sie die einzige ist, in der Mittel und Zweck dasselbe sagen.

Wer stattdessen den weiter gefassten Begriff zivilen Ungehorsams wählt – der auch Gewalt einschließen kann –, verliert damit nicht die Möglichkeit, das eigene Handeln zu rechtfertigen. Er verliert aber die Möglichkeit, den eigenen Grundsatz des Nichtschädigens ausnahmslos zu formulieren.


Gandhi und King: Aktiver Widerstand statt Passivität

Wer sie waren

Mohandas Karamchand Gandhi (1869–1948) entwickelte in Südafrika und Indien das Konzept des Satyagraha – wörtlich „Festhalten an der Wahrheit“ – als Form des gewaltfreien Widerstands gegen koloniale Herrschaft. (Simonelli, 2003)

Von 1918 bis 1930 lebte und lehrte er im von ihm gegründeten Sabarmati-Aschram bei Ahmedabad; von dort aus führte er 1930 den Salzmarsch, einen der bekanntesten zivilen Ungehorsamsakte der Geschichte. 1948 wurde er ermordet.

Martin Luther King Jr. (1929–1968) übertrug dieselbe Grundidee auf die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung – ausdrücklich unter Berufung auf Gandhi, den er als direkten Lehrer seiner eigenen Methode nannte.

Busboykott, Sit-ins, der Marsch auf Washington: King verstand gewaltfreien Widerstand nie als Zurückhaltung, sondern als eine eigene, disziplinierte Form der Konfrontation (The King Center, o. J.). 1968 wurde auch er ermordet.

Die Kernidee

Beide unterschieden scharf zwischen Passivität und aktivem gewaltfreiem Widerstand.

Gandhi verwarf Feigheit und Unterwerfung unter das Böse schärfer als Gewalt selbst – wer nicht handelt, weil er Gewalt scheut, hat nach Gandhi nichts gewonnen.

King formulierte es ähnlich: Gewaltfreiheit sei keine Methode für Feiglinge, sondern verlange mehr Mut als Gegengewalt, weil sie auf Vergeltung verzichtet, ohne auf Widerstand zu verzichten.

Genau diese Unterscheidung trägt Satz 7 des Manifests vom Vigorismus: „Wir verteidigen Leben gewaltfrei – aktiv, entschieden und ohne Ausnahme von diesem Grundsatz.“

Warum sie Paten sind, aber nicht Vorbilder

Gandhis Gewaltfreiheit war tief in einer hinduistisch-jainistischen Vorstellung von Ahimsa verwurzelt, mit religiösem und asketischem Unterbau.

Kings Gewaltfreiheit speiste sich aus der Bibel und der schwarzen Kirchentradition der USA.

Der Vigorismus übernimmt von beiden die Methode – aktiver, konsequenter Widerstand ohne Gewalt gegen Personen –, nicht die religiöse Begründung dahinter. Auch hier gilt: Das Wortfeld wird übernommen, nicht die ganze dahinterliegende Weltanschauung.

Wer heute ihren Namen trägt

Auch hier zeigt sich ein Nebeneinander unterschiedlich weit gefasster Erben.

  • Der Sabarmati-Aschram in Ahmedabad wird bis heute von einem eigenen Trust bewahrt, mit Archiv, Bibliothek und über 34.000 erhaltenen Briefen Gandhis.
  • Das King Center in Atlanta, 1968 von Coretta Scott King gegründet, versteht sich ausdrücklich als Zentrum für gesellschaftlichen Wandel ohne Gewalt und bildet bis heute in Kings Methodik aus.
  • Eine dritte Institution verbindet beide Namen bewusst: das Gandhi-King Center for Nonviolence, 1998 von Gandhis Enkel Arun Gandhi mit Unterstützung von Coretta Scott King gegründet. Es begeht jährlich die „Season for Nonviolence“ – 64 Tage, die symbolisch die Zeitspanne zwischen den beiden Attentaten markieren – und bildet junge Menschen in denselben Methoden aus, die Gandhi und King je auf ihre Weise entwickelten.

Dass ausgerechnet diese beiden Namen heute in einer gemeinsamen Institution – dem Gandhi-King Center for Nonviolence – zusammengeführt werden, obwohl die beiden Männer sich nie persönlich begegnet sind, zeigt, dass die Methode selbst über die einzelne Biografie hinausträgt.

Das macht sie als Paten für Satz 7 des Vigorismus-Manifests tragfähig: Sie propagieren keine geschlossene Lehre, sondern vertreten und zeigen eine Haltung, die sich unabhängig von Kultur und Religion wiederholen lässt.


#4: Lebenskraft – das belastete Vokabular

Die Lebensphilosophie war um 1900 eine dominante Strömung im deutschsprachigen Raum, hervorgegangen aus der Romantik und getragen von der Kritik an mechanistischen und materialistischen Zugängen; sie wird auch als deutsche vitalistische Bewegung bezeichnet, wobei ihr Verhältnis zum biologischen Vitalismus umstritten ist.

Vitalität wird dort ausdrücklich als Teil einer biozentrischen Unterscheidung zwischen lebensbejahenden und lebensverneinenden Prinzipien verstanden (Fritzen, 2006). Das ist begrifflich die Achse, auf der auch heutige lebenszentrierte Weltsichten liegen, also Ökologismus, Umweltbewegung, Deep Ecology oder die moderne bio-ökologische Lebensweise.

Die soziale Trägerbewegung der damaligen Lebensphilosophie ist gut dokumentiert. Die populär-vitalistische Strömung erschien als Gegenkultur zur raschen Industrialisierung und äußerte sich in körperzentrierten Praktiken – Sonnenbaden, Nacktkultur, Gymnastik – sowie in ausgearbeiteten Weltanschauungen wie Lebensreform und Anthroposophie (Lipowsky, 2020).

Auch die historische Anschlussfähigkeit ist belegt: Der Nationalsozialismus unternahm eine Politisierung von Elementen der Lebensreform durch Verbote und Gleichschaltung, offizielle Anerkennung und selektive Förderung ihrer Ideen und Verbände (Linse, 1999).

Die Forschung untersucht jene Begriffe, die für Lebensreform und NS-Ideologie gleichermaßen wesentlich waren: Volk, Rasse, Reinigung, Reinheit, Natur, Natürlichkeit, Körper; Kommunen der Bewegung dienten später als Brutstätten völkischer Rassenlehre, wobei sich die Ernährungsfrage mit der Stadt-Land-Diskussion überschnitt (Keretic, 2021).

Zwei Präzisierungen gehören dazu, damit der Befund nicht mehr behauptet als er trägt.

Erstens: Die Kontinuität ist eine Kontinuität von Vokabular, Praktiken und Milieus, aber keine logische Implikation – aus „Lebenskraft“ folgt also nichts Völkisches.

Zweitens: Eine belastende Verbindung entsteht historisch dort, wo Lebensbegriff und Reinheitsbegriff zusammentreten, also wo gefragt wird, welches Leben gefördert werden soll. Eine Position, die alles Lebendige ausnahmslos einschließt, ist gegen diesen Übergang jedoch immun – aber nur dann, wenn sie die Ausnahmslosigkeit ausdrücklich zum Prinzip erklärt und nicht nur voraussetzt.

Eine weitere belastende Verbindung ist bei Nietzsche verortet und von anderer Art. Die Lebensphilosophie wurde von Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche inspiriert und entstand als Reaktion auf den Positivismus und den post-kantischen Theoriefokus (Lipowsky, 2020). Bei Nietzsche ist Lebensbejahung mit Rangordnung und Stärke verkoppelt. Eine Ethik, die von vigor spricht und zugleich Schwäche, Krankheit und Alter ausdrücklich einschließen will, arbeitet also gegen diese Konnotation an.

Eine strukturelle Verwandtschaft, nicht nur eine historische Nachbarschaft

Die Kritik an Rangordnung unter Lebewesen und die Kritik an Rangordnung unter Menschen könnten tiefer zusammenhängen, als die reine Wortfeld-Nähe zur Lebensreform vermuten lässt. Peter Singer selbst setzte die Analogie schon 1975: Rassismus, Sexismus und Speziesismus verletzen dasselbe Gleichheitsprinzip, indem sie ähnlichen Interessen ungleiches Gewicht geben, je nach Gruppenzugehörigkeit statt nach tatsächlicher Betroffenheit (Singer & Harari, 2015).

Aph Ko und Syl Ko gehen einen Schritt weiter: Rassismus und Speziesismus seien keine zwei getrennten Kategorien, die man nachträglich verbindet, sondern von Anfang an gemeinsam konstruierte Ausdrucksformen derselben Herrschaftslogik (Ko & Ko, 2020). Claire Jean Kim arbeitet das mit dem Konzept einer „multi-optischen“ Analyse aus, die Rasse, Spezies und Natur als historisch ineinander verschränkt untersucht, nicht als getrennt und erst später zusammengeführt (Kim, 2015).

Diese philosophisch-historische These findet eine unabhängige empirische Stütze in der Sozialpsychologie: Dhont und Hodson zeigen in mehreren Studien, dass die Zustimmung zu menschlicher Vormachtstellung über Tiere mit rassistischen, sexistischen und fremdenfeindlichen Einstellungen korreliert (Dhont, Hodson, Costello, & MacInnis, 2014; Dhont, Hodson, & Leite, 2016) – dieselbe kognitive Bereitschaft, Gruppen hierarchisch zu ordnen, wirkt sich demnach an beiden Grenzen aus, der zwischen Mensch und Tier wie der zwischen „wir“ und „die anderen“ innerhalb der Menschheit.

Beide Argumentationslinien sind innerhalb ihrer Disziplinen selbst umstritten, keine Mehrheitsposition. Aph Ko grenzt sich ausdrücklich von anderen intersektionalen Ansätzen ab; die Korrelation bei Dhont und Hodson erlaubt keine Vorhersage für den Einzelfall und lässt offen, was Ursache und was Symptom ist.

Folgerung: Die Belastung ist real, aber sie liegt nur im Wortfeld, nicht in der Position.

Praktisch heißt das dreierlei:

  • die Ausnahmslosigkeit zum ersten Satz zu machen, nicht zu einem Zusatz;
  • jede Rede von Stärke, Kraft und Gesundheit gegen die Rangordnungslesart abzusichern;
  • und die eigene Genealogie offenzulegen, statt sie im Wortschatz nur mitschwingen zu lassen.

Die stärkste Prophylaxe ist Schweitzers ausdrückliche Verwerfung der Unterscheidung in höheres und niederes Leben – sie ist von derselben Kraftsprache aus formuliert und weist doch jede Rangordnung zurück.


#5: Weltanschauung oder Religionsersatz

Die EZW, die den Veganismus als teilweise eigenständige Weltanschauung führt, formuliert zugleich einen Haupteinwand: Er versuche, alle Probleme der Welt an einem archimedischen Punkt zu lösen, was zu Komplexitätsreduktion und, in der Formulierung des Lexikons, zu parareligiöser Kasuistik führe (Funkschmidt, 2021).

Der Einwand richtet sich damit gegen eine Ernährungslehre mit weltanschaulichem Anspruch.

Die Ausweitung auf alles Lebendige entschärft ihn in einer Hinsicht – der eine Punkt wird zu einem allgemeinen Prinzip – und verschärft ihn in einer anderen: Je umfassender der Anspruch, desto näher ist die Struktur dem, was die Religionswissenschaft als Sinnsystem beschreibt.

Rechtlich ist die Lage in Deutschland klar und für die Selbstbeschreibung nützlich. Artikel 4 Absatz 1 GG schützt die Freiheit des religiösen und des weltanschaulichen Bekenntnisses; Religion und Weltanschauung werden verfassungsrechtlich grundsätzlich gleichbehandelt. Beiden liegt eine Gesamtsicht der Welt zugrunde, beiden geht es um die Stellung des Menschen in der Welt und seine Beziehung zu höheren Mächten oder tieferen Seinsschichten (JuraForum.de, 2002).

Das Abgrenzungskriterium ist schmal: Eine Religion setzt eine irgendwie geartete Gottesvorstellung voraus, eine Weltanschauung ist auf innerweltliche Bezüge beschränkt (juraexamen.info, 2017).

Weltanschauungsgemeinschaften erfordern begrifflich Sinnsysteme, denen eine Gesamtsicht der Welt und der Stellung des Menschen in ihr zugrunde liegt (Czermak, 2017).

Folgerung: Der Anspruch, eine Weltanschauung zu sein, ist juristisch unproblematisch und terminologisch korrekt, solange die Position innerweltlich bleibt.

Der Religionsähnlichkeitsvorwurf lässt sich dabei nicht durch Beteuerung entkräften, sondern nur strukturell: durch Revidierbarkeit – also die Bereitschaft, Sätze an Evidenz zu korrigieren – , durch Verzicht auf Reinheitsgrade der Zugehörigkeit und durch die Fähigkeit, offene Fragen als offen zu benennen.

Naess' Deep-Ecology-Plattform von 1984 steht auch hier Pate: Ihre acht Punkte – ein Vorbild für das Format der acht Sätze dieses Manifests – formulieren Sätze, denen man zustimmen kann, ohne eine gemeinsame letzte Philosophie zu teilen (Naess & Sessions, 1984).


Religionen: Anknüpfung ohne Vereinnahmung

Der Vigorismus ist innerweltlich begründet, ohne eine Offenbarung und ohne Erlösungsversprechen. Das bedeutet nicht Distanz zu den großen religiösen Traditionen, sondern im Gegenteil die Bereitschaft, mit allen zusammenzuwirken, die in dieselbe Richtung gehen – ohne ihre Zitate aus dem Zusammenhang zu lösen und sie als Bestätigung der eigenen Position auszugeben.

Berufung verlangt Beziehung, nicht Zitat, wie es der Recherchebericht zu Recht bei sumak kawsay feststellt (Cuestas-Caza, 2018). Die selbe Sorgfalt gilt hier.

Jainismus

Was die Tradition selbst sagt:

Ahimsa – Gewaltlosigkeit gegenüber jedem Lebewesen, bis hin zu Mikroorganismen – ist im Jainismus keine Randregel, sondern das oberste ethische Prinzip überhaupt, seit der Gründung der Tradition durchgehend praktiziert.

Keine andere Tradition kommt der Reichweite von Satz 8 des Manifests näher – „alles, was lebt, ist eingeschlossen“ trifft die jainistische Praxis geradezu wörtlich.

Was der Vigorismus nicht übernimmt:

Der jainistische Weg ist primär auf Schadensvermeidung und asketische Reinheit ausgerichtet, eingebettet in ein Erlösungssystem (Befreiung der Seele aus dem Karma-Kreislauf). Der Vigorismus zielt stattdessen auf aktive Förderung, nicht nur Vermeidung – und bleibt ohne das soteriologische Ziel dahinter, wie es der Recherchebericht in der in Teil 3 folgenden Abgrenzungstabelle festhält.

Buddhismus

Was die Tradition selbst sagt:

Metta (liebende Güte) und Karuna (Mitgefühl) gelten allen fühlenden Wesen, nicht nur Menschen; das erste der fünf Sila-Gebote untersagt die Tötung von Lebewesen.

Der Recherchebericht selbst nennt buddhistische Ethik als eine der beiden ältesten Wurzeln der Idee, die Albert Schweitzer später westlich prominent machte – Schweitzer gilt lediglich als erster bekannter westlicher Vertreter eines älteren Gedankens.

Was der Vigorismus nicht übernimmt:

Die buddhistische Begründung läuft über die Überwindung von Leid und Anhaftung als spirituellem Ziel. Vigorismus verzichtet auf dieses metaphysische Gerüst und bleibt bei der „diesseitigen“ Verantwortung.

Christentum

Was die Tradition selbst sagt:

  • Genesis 1,29 beschreibt eine ursprünglich pflanzenbasierte Ernährungsordnung.
  • Daniel und seine Gefährten lehnen in Daniel 1 die königliche Fleischkost zugunsten pflanzlicher Kost ab.
  • Historisch belegt sind zudem asketische, fleischarme Strömungen im Umfeld Jesu – die Essener, Johannes der Täufer – sowie die Ebioniten, ein früher judenchristlicher Zweig mit strikt vegetarisch bzw. vegan anmutender Lebensweise, der von Paulus und der kirchlichen Mehrheitslinie bekämpft wurde.

Die Annahme, dass Jesus selbst vegetarisch oder vegan lebte, ist in der internationalen Wissenschaft eine Minderheitsposition: Der amerikanische Bibelwissenschaftler James Tabor (Tabor, 2013, 2022) und der Autor Keith Akers (Akers, 2000, 2024) vertreten sie mit historischen und textkritischen Argumenten, während der vom historisch-kritischen Konsens geprägte deutsche Theologe Rainer Hagencord, der eine theologische Zoologie entwickelt hat, feststellte, es gebe dafür keine Belege (Hagencord, 2018; Rauch, 2022).

In einer Untersuchung zeigte sich, dass sich bei den Vertretern der These deren eigene vegane Lebensentscheidung zeitlich vor der Bibel-Interpretation nachweisen lässt – was zu der Frage führen kann, ob und wie Überzeugungen aus der eigenen Lebensweise die Textauslegung prägen. (Gertler, 2024)

Der Verzehrverzicht dieser frühen Strömungen und die von Andrew Linzey (Oxford) vertretene Tierethik – alle Geschöpfe haben durch ihre Erschaffung inhärenten Wert – bieten eine tragfähige, unabhängig von der Jesus-Frage bestehende Brücke.

Was der Vigorismus nicht übernimmt:

Weder die Heilsgeschichte noch den Erlösungsanspruch und auch nicht die These einer ursprünglich vegan bestimmten Lebensweise in dieser Offenbarungsreligion – sie bleibt aber eine begründete und nachvollziehbare Position, die als solche gewürdigt werden kann.

Judentum

Was die Tradition selbst sagt:

Das Prinzip Bal Tashchit („du sollst nicht verderben“, aus Deuteronomium 20,19f. abgeleitet) verbietet sinnlose Zerstörung und Verschwendung, ursprünglich auf Fruchtbäume bezogen, in der späteren Auslegung auf jede Form der Ressourcenverschwendung ausgeweitet.

Tikkun Olam („Reparatur der Welt“) beschreibt die Pflicht, aktiv zur Verbesserung der Welt beizutragen.

  • Bal Tashchit trägt immerhin fast wörtlich Satz 1 und 2 des hiesigen Manifests: Leben und Lebensgrundlagen haben einen Wert, der nicht der bloßen Nützlichkeit unterliegt.
  • Und Tikkun Olam trägt die aktive Förderungslogik von Satz 6.

Was der Vigorismus nicht übernimmt:

Die Bindung an Bund, Gebot und die besondere Verantwortung des jüdischen Volkes als Adressat der Tora bleibt außen vor – der Vigorismus richtet sich an alle Menschen, unabhängig von einer bestimmten religiösen Zugehörigkeit.

Islam

Was die Tradition selbst sagt:

Der Mensch gilt im Koran als Khalifa – Statthalter oder Sachwalter auf Erden (Sure 2,30), nicht als Eigentümer. Diese Statthalterschaft ist ausdrücklich an Bedingungen geknüpft: Verschwendung (Israf) und Verderben (Fasad) sind untersagt, die Balance (Mizan) der Schöpfung ist zu wahren.

Die Khalifa-Idee trägt praktisch identisch das, was Satz 3 von Vigorismus sagt: Verantwortung, weil man sie erkennt, nicht aber weil man überlegen wäre.

Auch im Koran ist die Statthalterschaft ausdrücklich keine Herrschaft über die Schöpfung, sondern eine bedingte, treuhänderische Rolle.

Was der Vigorismus nicht übernimmt:

Die Bindung der Statthalterschaft an den Willen Gottes als letzte Instanz und die Rechenschaftspflicht im Jenseits entfallen – die Verantwortung bleibt bei Vigorismus rein diesseitig begründet.


Die Anknüpfung

Fünf sehr unterschiedliche Traditionen knüpfen an diesen gemeinsamen Punkten an:

  • Leben hat einen Wert, der nicht von seiner Nützlichkeit abhängt;
  • Verantwortung entsteht aus Erkenntnis, nicht aus Überlegenheit;
  • Verschwendung und Zerstörung sind ein eigenständiges Unrecht.

Der Vigorismus beansprucht nicht, diese Traditionen zusammenzuführen oder zu ersetzen, sondern er zeigt, dass die eigene Position in guter Gesellschaft ist, ohne sich bei einer von ihnen einordnen zu müssen.


Abgrenzungen und die Klärungsagenda sind Gegenstand des nächsten Teils.

Häufige Fragen

FAQ zu dieser Seite
Wie unterscheidet sich der Vigorismus vom Veganismus in Bezug auf die moralische Berücksichtigung von Lebewesen?
Während der Veganismus moralische Berücksichtigung über die Empfindungsfähigkeit begründet (wer leiden kann oder empfindungsfähig ist, zählt moralisch), weitet der Vigorismus diesen Anspruch auf alles Lebendige aus. Als möglicher dritter Weg wird vorgeschlagen: Leben begründet Berücksichtigung – Empfindungsfähigkeit erhöht ihr Gewicht.
Welche planetaren Grenzen sind laut dem Planetary Health Check 2025 überschritten?
Sieben der neun planetaren Grenzen sind überschritten: - Klimawandel - Biosphärenintegrität - Landsystemwandel - Süßwassernutzung - Biogeochemische Flüsse - Neuartige Substanzen - Ozeanversauerung (erstmals überschritten) Lediglich die Aerosolbelastung und der Ozonabbau befinden sich aktuell noch im sicheren Bereich.
Warum gerät die Entfaltungssprache des Vigorismus in Konflikt mit den ökologischen Daten?
Eine Ethik, die auf Förderung, Steigerung und Entfaltung des Lebens setzt, nutzt ein Wachstumsvokabular. Dies steht im Spannungsfeld zu der Tatsache, dass die menschliche Aneignung von Lebensproduktivität (bereits 30 % der Nettoprimärproduktion bei einer Belastungsgrenze von 10 %) die Hauptursache der Krise ist. Steigerung muss daher klar als Qualität statt Quantität definiert werden, um nicht zu einer bloßen Verzichtsethik im neuen Gewand zu werden.
Welche Schwachstellen des Veganismus möchte der Vigorismus vermeiden?
Der Vigorismus reflektiert mehrere Herausforderungen des veganen Modells: - Das Reinheitsproblem: Vermeidung rigider Abgrenzungen durch den Ausschluss von Rangordnungen ("kein höheres und kein niederes Leben"). - Individualethik ohne Hebel: Bewusstsein dafür, dass persönliche Konsequenz durch politische und systemische Maßnahmen (z. B. Agrarsubventionen) ergänzt werden muss. - Normativer Imperialismus und soziale Exklusivität: Kritische Reflexion westlicher Wohlstandsperspektiven sowie finanzieller und kultureller Zugangshürden.
Wie begründet der Vigorismus das Prinzip der Gewaltfreiheit im Widerstand?
Der Vigorismus stützt sich auf die Tradition von Mahatma Gandhi und Martin Luther King Jr., die Gewaltfreiheit als aktiven, disziplinierten Widerstand verstanden, nicht als Passivität oder Feigheit. Da das Grundprinzip des Vigorismus im Nichtschädigen von Leben besteht, ist Gewaltfreiheit gegenüber Personen kein strategisches Kalkül, sondern eine Frage der ethischen Konsistenz, in der Mittel und Zweck übereinstimmen müssen.
Warum ist der Begriff „Lebenskraft“ historisch vorbelastet und wie grenzt sich der Vigorismus ab?
Konzepte der Lebensphilosophie und Lebensreform um 1900 wiesen Anknüpfungspunkte zur NS-Ideologie auf (insbesondere durch Begriffe wie Volk, Rasse und Reinheit), und bei Nietzsche war Lebensbejahung mit Rangordnung und Stärke verknüpft. Der Vigorismus begegnet dieser Belastung, indem er Ausnahmslosigkeit zum obersten Prinzip macht, jede Rangordnung zwischen höherem und niederem Leben verwirft und Schwäche, Krankheit sowie Alter ausdrücklich mit einschließt.
Wie grenzt sich der Vigorismus als Weltanschauung von Religionen ab?
Rechtlich und philosophisch ist der Vigorismus auf rein innerweltliche Bezüge beschränkt; er verzichtet auf Gottesvorstellungen, Offenbarungen oder Heils- und Erlösungsversprechen. Dem Vorwurf der Religionsähnlichkeit begegnet er strukturell durch die Bereitschaft zur Revidierbarkeit an wissenschaftlicher Evidenz, den Verzicht auf Reinheitsgrade und das offene Eingestehen ungelöster Fragen.
An welche religiösen Traditionen knüpft der Vigorismus inhaltlich an?
Der Vigorismus teilt zentrale Prinzipien mit mehreren Traditionen, ohne deren theologische Überbauten zu übernehmen: - Jainismus: Umfassende Gewaltlosigkeit (Ahimsa) gegenüber allem Leben bis hin zu Mikroorganismen. - Buddhismus: Allumfassende Güte (Metta) und Mitgefühl (Karuna). - Judentum: Das Verbot sinnloser Zerstörung (Bal Tashchit) und die Reparatur der Welt (Tikkun Olam). - Islam: Die Rolle des Menschen als treuhänderischer Sachwalter (Khalifa), der das Gleichgewicht (Mizan) wahren muss. - Christentum: Die Schöpfungsverantwortung und frühe pflanzenbasierte Traditionen.

Ltzt Aktlsrng dr Qlln: 20260926